Fünftes Kapitel:

DIE FIESTA: FAMILIÄRES BRAUCHTUM

Praktisch über das ganze Jahr gibt es irgendwo auf den Philippinen Fiesta zu feiern. Einige von ihnen sind im ganzen Land bekannt, z.B. die Ati-atihan Fiesta in Kaliho Akian, die Pahiyas-Fiesta von Luehan, in Quezon die Truvial-Fiesta von Bocauc Bulacan, das Christmas Eve Lantern Festival in San Fernando Pampanga,das Carabao-Festival in Gapan, und die Black-Nazarene-Fiesta in Quiapo Manila, um nur einige zu nennen. Die Stadtfeste werden zumeist zum Tage des Ortsheiligen begangen. In heidnischer Zeit bezogen sich diese Feste auf rituelle Handlungen, die einhergingen mit Gebeten um Regen oder um eine gute Ernte, oder auch um Flüsse und Seen um eine reichen Fichfang zu bitten. Bei den Taghanwa,einer kleinen ethnischen Minderheit auf Palawan wurden dreitägige Feste abgehalten, während der Wald auf die neuen Pflanzungen vorbereitet wurde.
Frühe katholische Missinare nutzten einige dieser gemeinschaftlichen Praktiken als Anlaß katholische Riten einzuführen. Andererseits haben auch Eintauch- und Bewässerungsriten bei heutigen Festen mit früheren buddhistischen Riten zu tun, die anläßlich des thailändischen Neujahrsfestes Songkran im thailändischen Chiang Mai gefeiert wurden.

Jeder ist bei solchen Festen willkommen. Es könnte gerade eins in der Nachbarschaft stattfinden. Eine Fiesta wird um die Kircher herum gefeiert und manchmal sogar nur um eine einzelne Distrikt-Gemeinde,so wie das Fest in Quiapo, manchmal ist es nur eine Stadtteilfest, aber ein andermal umfaßt das Fest die ganze Stadt. Normalerweise dauern diese Fiestas drei Tage und daran nimmt die ganze Stadt teil, in Kalibo's Ati-atihan nehmen alle Bewohner vom Bürgermeister bis zm Bettler auf der Straße teil, zu Tausenden kommen sie zusammen, um in einer Prozession dem Christuskind zu huldigen. Die Tische fast eines jeden Hauses sind reichhaltig gedeckt, für Unterhaltung und alle möglichen Aktivitäten ist gesorgt.

Alles dreht sich um Gastfreundschaft, Nicht-Philippinos brauchen sich in dieser Zeit nicht so sehr um ein angemessenes Verhalten zu sorgen.

Seit altersher haben die meisten Feste einen religiösen Ursprung, die Kirche und der Stadtheilige sind bedeutsame Symbole, in der Kirche und auch dann, wenn die Figur des Heiligen in einer Prozession durch die Straßen getragen werden, wird ihm daher ein besondere Verehrung und hoher Respekt zuteil.

Die Facetten einer Fiesta

Für den Aufbau eines Stadtfestes werden mehrere Tage benötigt. Der neunte Tag vor dem Festtag des Heiligen, der Novena, ist der Beginn für die Vorbereitungszeit. Die Leute tun alles, um ihr Haus herauszuputzen, es wird für frische Farbe, neue Gardinen, gescheuerte und polierte Böden und saubere Fenster gesorgt. Die Straßen werden mit Bambus-Bögen und bunten Papierfähnchen geschmückt. Der Dorfplatz ist tiptop vorbereitet und die Nacht über wird getanzt. Lärmend und farbenprächtig tragen die Amüsierbuden und Stände mit buntem Kitsch, Spielsachen und etwas für den kleinen Hunger zur Unterhaltung bei. Karrussels, Riesenräder, Straßentheater haben einen Extraplatz an der Kirche.
Die Fiesta ist auch die Gelegegenheit für viele Töchter und Söhne, die woanders zur Schule gehen und arbeiten, in ihr Dorf zu kommen, und selbstverständlich bringen diese ihre Freunde mit. Jeder in der Stadt hat dazu beigetragen, etwas zu essen vorzubereiten. Schweine werden nur für diesen Tag gemästet. Das Spanferkel (Lechon) ist ein ebenso wichtiges Festtagsessen wie für die Amerikaner der Truthahn zum Thanksgivingday, oder der Schinken für die Engländerzu Weihnachten. In früheren Zeiten gab es sogar eine besondere Süßspeise zum Festtag, wie zum Beispiel Tortillas aus Wasserbüffelmilch, eingepackt in Japanpapier mit Festtagsmotiven.Das wurde dann Gästen zu den Festen von San Miguel in Bulacan gereicht. Die besondere soziale Rolle des Essens für die Philippinos wird gerade zu den Festtagszeiten deutlich.

Der amerikanische Historiker John Leddy Phelan macht deutlich, daß die Spanier deswegen die Fiestas in den philippinischen Städten eingerichtet haben, um die Menschen (die sonst in zerstreuten Familiengemeinschaften lebten) in Zentren zu locken, und um von dort das Christentum weiter zu popularisieren. Unter diesem Gesichtspunkt ist die farbenfrohe Prachtentfaltung zu verstehen, die sich auf unterschiedlichste Weise ausdrückt, zu verstehen.

An den Küsten- und Uferstädten ist die Schiffsprozession der eigentliche Höhepunkt; dabei wird das Heiligenbild in einem Gestell aus Bambusholz (Pagoda) getragen, das die Form eines auf den Kopfgestellten Kahns hat. In Angono, im Distrikt Rizal, folgt der Flußprozession eine Landprozession durch die Straßen der Stadt, wobei Beteiligte und Zuschauer mit Wasser bespritzt werden. Die Prozessionen im Landesinneren beginnen gewöhnlich an der Kirche, winden sich dann immer wieder durch die Hauptstraßen, um dann wieder zur Kirche zurückzuführen. Die Menschen tragen Kerzen und begleiten das Heiligenbild, das auf einem Carron steht, einem Gestell auf Rädern.

In Sariaya, im Distrikt Quezon, springen die Kinder nach Keksen und anderen Kleinigkeiten, die an langen Bambusstangen entlang der Straßen hängen. In Pakil, im Distrikt Laguna tanzen Männer und Frauen während des Prozessionsgangs den Turrumba. In Städten wie San Isidro Labrador, wo der Heilige der Bauern verehrt wird, werden die Ochsenkarren bunt geschmückt, gleichermaßen wie in Pulilan, im Distrikt Bulacan, wo Herden von Wasserbüffeln mit Blumen bedeckt werden.

Eine andere Art der Festunterhaltung sind Volksschauspiele, die man „Moro-Moro” oder „Comedia” nennt. Es sind Gesangstheaterspiele mit mythologischen Geschichten, die von Königen und Prinzessinnen, den Streitereien zwischen Christen und Mohren oder um alte Themen aus der spanischen Geschichte. Diese Theaterspiele werden heute nur noch ganz selten in Städten mit einer strengen Tradition aufgeführt, statt dessen wird man heute von Laiensängern unterhalten oder es werden Varieté-Veranstaltungen von Prominenten aus Fernsehen und Kino inszeniert.
(Stichwort „Karaoke”. (Anmerkung des Übersetzers))

Es gilt als eine besondere Ehre, von einem prominenten Bürger einer Stadt eingeladen zu werden. Zuerst wird ein Ball von den bekannten Familien organisiert. Das ist für die feine Gesellschaft eine Gelegenheit, sich für den neunten Tag besonders herauszuputzen. Traditionellerweise wird mit dem Rigodon-Tanz der Ball eröffnet, an dem auch die wichtigsten Mitglieder einer Gemeinde aufgefordert sind, teilzunehmen. Bei solch einem Geschehen sind die weniger priveligierten Leute nur Zuschauer, die von außen auf den abgeschirmten Kreis schauen; hier wird der Kontrast zwischen den beiden sozio-ökonomischen Klassen der philippinischen Gesellschaft besonders betont. Mit den Eintrittskarten werden sowohl der Ball selbst, Aktivitäten im Rahmen der Fiesta oder andere öffentliche Vorhaben unterstützt.

Diese Kurze Beschreibung der Fiesta soll ein wenig Appetit machen, einmal daran teilzunehmen. Es gibt spektakuläre und auch bedeutende in den verschiedenen Teilen des Landes. Dazu gehören auch jene, die als Fasten-Riten Bedeutung haben, aber doch nicht als Feiern gelten, sondern eher Festumzüge sind, die an die Kreuzigung Christi erinnern, also in eine Zeit des christlichen Trauerns fallen.

Gleichwohl, die Philippinos sind recht gesellig, und solche Ereignisse gehen einher mit großer Schwelgerei und Verbrüderung.

Eine kurze Einführung in die Fiestas

Fiestas in Manila sind anders als in den übrigen Landesteilen, weil ihnen jener umfassende Gemeinschaftsgeist in dieser unpersönlichen Stadt fehlt. Die Comedia kann man in Parailaque, außerhalb von Manila sehen. Informationen erhält man von der Gemeindeverwaltung in Parailaque, dem Cultural Center of the Philippines oder dem Touristik-Ministerium.

Angono, das zu Manilas Randbezirken zählt, hat eine Fluß-Fiesta zu Ehren San Clementes gegen Ende Januar. Die Gegend liegt am Laguna-See, es ist eine fröhliche Flußprozession. Die kleinen Fischerboote umkreisen das Hauptschiff auf dem das Heiligenbild steht. Dort wird Wein gereicht. Man muß damit rechnen, daß man während der eigentlichen Flußfeier gehörig naß wird; wenn nicht dann werden schon die ausgelassenen „Landratten” dafür sorgen, daß man in freundlicher Absicht mit Seewasser bespritzt wird. Angono ist die Heimatstadt eines vielgefeierten Künstlers, dem Carlos V. Francisco dem ältern. Seine berühmten Bilder zeigen immer wieder Darstellungen von der Angono-Fiesta.

Gar nicht weit entfernt liegt Pateros. Während des Santa-Maria-Flußfestes tanzen die Leute auf einem Blechkrokodil, das von Booten über den über und über mit Hyazinthen bedeckten Fluß gezogen wird.

In Lucban und im nahegelegenen Sariaya, beide Städte liegen in der Provinz Quezon, wird das Fest des San Isidro Labrador am 15. Mai gefeiert, dabei werden dem Heiligen „apahiyas”, kleine Geschenke überbracht, es sind künstliche Nachbildungen von landwirtschaftlichen Produkten. Die Häuser an den Straßen sind mit Gebinden (palay) von Reis, Gemüse und Früchten geschmückt, dazu gehören auch andere Dinge aus der Natur wie zum Beispiel die Schädel von Wasserbüffeln, Trockenfisch, Hüte und Fächer aus geflochtenen Palmblättern und eine besonders hergestellte blattförmige Waffel aus Reismehl, die man „Kiping” nennt. Davon gibt es riesige hauchdünne Büschel in verschiedenen Pink-, Gelb- und Grünfarben. Viele alte Anwesen verdanken Lucban und Sariya, daß diese zwei Fiestas eine pittoreske Umrahmung schaffen.

Ati-atihan

Die Ati-atihan-Fiesta in Kalibo ist in der letzten Zeit zu sehr kommerzialisiert worden. Die spontane Freude an diesem Fest ist durch die schiere Überzahl von Menschen auf den Straßen erstickt worden. Vor einigen Jahrzehnten haben noch etliche Gruppen unermüdlich getanzt, während sich die Prozession mehrmals um die Plaza gewunden hat. Heute kann man sich kaum in der dichten Menge von festlich gestimmten Menschen bewegen während man zugleich nach Taschendieben und betrunkenen Rüpeln Ausschau halten muß.

Aber weniger als eine Autostunde von Kalibo entfernt gibt es die kleine Stadt Ibajay, wo man an einem noch ursprünglicheren, weil auch kleinerem Ati-ati-Festival teilnehmen kann. Besucher und Gläubige bemalen ihre Gesichter und Arme mit Ruß, bedecken ihr Kopfhaar mit Blättern und schwingen lange Stangen, an deren Spitze irgendwelche eigentümliche Dinge befestigt sind - es sind Speiseopfer, lebende Vögel, Echsen und anderes Zeug. Die Figur des Christuskindes wird aus der Kirche gebracht und um den kleinen Platz getragen während die Gläubigen tanzen und Viva Santo Niño rufen und dabei die Trommeln dröhnen. Die Leute marschieren theatralisch gestikulierend in Theaterkostümen der Moro-Moro wie sie von Christen und schwarzen Heiden überliefert sind, dabei eskortieren sie das Bildnis des Santo Niño. Falls man nicht nach Ibajay kommen sollte, kann man sich auf dem Karnevalsfiesta in Kalibo vergnügen, wenn man hinnimmt, daß sie kommerziell degeneriert ist.

Es wird allgemein vermutet, daß die Ati-Atihan-Fiesta auf ein vorhispanisches Friedensabkommen zwischen den frühen Negrito (ati)-Siedlern und den malaischen Immigranten zurückgeht. Die Ungestümtheit auf den Straßen, seine geradezu tumultartige Freude passen nicht wirklich zu einem würdevollen religiösen Fest, wie man es erwarten würde. Als wir vor einigen Jahren das erste Mal an einer Ati-Atihan Fiesta teilnahmen, drückte der Bürgermeister der Stadt es uns gegenüber so aus: „Hier in Kalibo gibt es keine Hospitäler für Geistesgestörte, weil wir einmal im Jahr auf die Straße gehen und alles rauslassen können.”

Fasten-Rituale

Die Fastenzeit wird von katholischen und spanischen Missionaren sehr ernst genommen. Sie ist bestimmt von Riten wie der Flagellation oder der Passionsspiele mit den tragischen Höhepunkten aus dem Leben Jesu, dazu gehört die Fußwaschung der Apostel, der Weg des Kreuzes, die sieben letzten Worte und die Palmsonntagsriten. Es gibt viele feierliche Prozessionen in der Heiligen Woche, ihre herausragende Bedeutung kann man auch daran ermessen, wie groß doch die Zahl der auf Karren montierten Bildnisse sind. Nimmt man einmal als Beobachter an den Fastenriten teil, erhält man einen guten Einblick in die philippinische Gesellschaft.

In kleinen Volkstheaterstücken sogenannten „Sinakulos” werden biblische Geschichten und Passagen aus dem Leben Christis gezeigt. Eine besondere Episode ist die von Judas und den dreißig Silberstücken. Bei den von der Gemeinde ausgewählten Spielern und natürlich besonders bei den Rollen von Jesus und Maria werden mehr als nur schaupielerische Fähigkeiten erwartet. Zuweilen werden auch prominente Filmschauspieler für die führenden Rollen herangezogen.

Fastenriten sind auch in weltliches Brauchtum übernommen worden, wobei die besonders exotischen Bestandteile aus den prächtigen spanisch-katholischen Zeremonien ausgeliehen werden, um einen okkulten Glauben aufrechtzuerhalten. Zum polulären Volksglauben zählt es, daß man am Karfreitag übernatürliche Kräfte bezieht, indem man bestimmte Riten unter den Blütenstengeln der Bananenbäume verrichtet, in der Hoffnung, daß um Mitternacht ein Talisman auf geheimnsivolle Weise in den Mund fällt. Auch werden Amulette in den tiefen Wäldern eines okkulten Berges, dem Mount Banahaw, ausprobiert.

Wie die verschiedenen Fastenriten zeigen, gibt es eine ganze Palette von überkommenen christlichen Glaubensvorstellungen, die mit heidnisch okkulten Praktiken vermengt sind. Sie zeigen, daß die Menschen aus dem Volk über eine große Einbildungskraft und über eine unerschütterliches Beharren auf vorchristliche Werte verfügen. Dazu kommt die Fähigkeit, ganz gezielt außerchristliche Motive für die eigenen Werte und Glaubensinhalte zu entlehnen.

Der volksnahe Katholizismus ist ein Charakteristikum der philippinischen Gesellschaft, und er trägt viel zum Verständnis der philippinischen Wesensart bei. Über Jahrhunderte hatten sich Vertreter des Klerus beklagt, daß viele Philippinos, hauptsächlich in den ländlichen Gebieten, nur dreimal im Leben zur Kirche gehen: wenn sie getauft wurden, wenn sie heirateten und wenn ihr Körper die letzten Handlungen erfuhr. Das war eine überzogene Kritik, die Philippinos gehen auch zur Kirche, um dort ihre Verwandten zu treffen und an deren Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen teilzunehmen, aber auch zu Weihnachten und zu Zeiten der Fiestas kommen die Philippinos in die Kirche.

Mariones: Maskierte Gläubige

Auf Marinduque Island, nicht weit von von der Provinz Batangas auf Luzon wird die Fastenzeit mit einem beachtlichen Quantum Volkskatholizismus gefeiert. Marinduque ist es wert, in dieser Zeit besucht zu werden, um einen Einblick in das philippinische Volksleben zu erhalten. In der ganzen Heiligen Woche werden drei Städte, nämlich Mogpog, Gasan und Boac, zu offenen Theatern, zu deren Aufführungen jeder einbezogen ist. Viele Leute tragen dann Holzmasken, an denen Helme aus Papier und Blumensträuße befestigt sind. Die Gläubigen sind ausstaffiert wie römische Soldaten zu Zeiten Christi. Diese „Moriones” begleiten die nächtlichen Prozessionen durch die Stadt, wobei sie zwei Holzstöcke gegeneinander schlagen.

Am Ostersonntag wird einer dieser maskierten Figuren, der den Soldaten Longino darstellt, erzählen, daß er Christus mit einem Speer erdolchen mußte, er rennt dann durch die Stadt um die Auferstehung Christis zu verkünden. Nach der volkstümlichen Legende ist Longino ein römischer Zenturion, der auf einem Auge blind ist. Er wurde auf wundersame Weise dadurch geheilt, daß er mit dem Blut aus den Wunden, die er Christus zugefügt hatte, sein blindes Auge auswusch.

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Fortsetzung folgt!
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