Drittes Kapitel

PHILIPPINISCHE WERTE

Die Scham steht über allem

Seit der Nachkriegszeit ist viel über die philippinischen Werte gesprochen worden; und obwohl die wichtigsten von ihnen offenkundig und ihr gesellschaftlicher Bezug erklärbar sind, so sind sie doch kein sicheres Allheilmittel gegen Mißverständnisse. Man muß mit diesen Werten, die eine zentrale Rolle in der Gesellschaft spielen, leben oder zumindest sie zu verstehen suchen, wenn bestimmte Dinge falsch zu laufen scheinen, während sie für Philippinos ganz normal sind. Die bedeutendste ethische Institution ist das, was man als „hiya” bezeichnet. Sie funktioniert innerhalb der Gesellschaft wie eine Währung, die das individuelle und soziale Verhalten kontrolliert und steuert.

„Hiya” bedeutet Scham.
„Hiya” ist eine universelle soziale Sanktion, die aus einer tiefen gefühlsmäßigen Überzeugung stammt, nicht den gesellschaftlichen Standards Rechnung getragen zu haben. Der Anthropologe und Jesuit Frank Lynch sieht innerhalb des philippinischen Kontexts die allgemeine Bedeutung des „Hiya” als „ein unangenehmes Gefühl, das sich bewußt ist, sich in einer für das gesellschaftliche Umfeld nicht tragbaren Lage zu befinden oder so zu handeln, wie es für das gesellschaftliche Umfeld nicht tragbar ist”.

Philippinische Angestellte tendieren danach, Fragen an einen Vorgesetzten zu vermeiden, selbst dann, wenn sie nicht wissen, wie sie eine Aufgabe erledigen sollen - der Grund ist „Hiya” . Wegen des „Hiya” wird ein Gastgeber großzügiger sein als er es sich leisten kann, ein entlassener Angestellter wird heftiger reagieren - wegen „Hiya”, ein Arbeitskollege würde nicht offen widersprechen, selbst dann, wenn er es eigentlich tun wollte - wegen „Hiya” Es ist recht schwer, diesen Begriff wirklich zu beschreiben. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß jemand ein Verachtung erntet, wenn er beschuldigt werden sollte, mangelnden Sensibilität für„Hiya” zu zeigen; und mit dem Makel „Walang-Hiya” behaftet zu sein gilt als die ultimative Demütigung.

„Hiya” gilt als die Kontrollinstanz in der Gesellschaft. Das Verhalten eines Menschen wird bestimmt von dem vorhandenen Maß an „Hiya”, wobei das entsprechende Verhalten in der Öffentlichkeit gemäß des „Hiya” getadelt oder gebilligt wird. Das Maß der Selbstachtung steigt oder fällt, je nachdem, wie jemand mit seinem persönlichen „Hiya” in der Öffentlichkeit auftritt. Zum Gespött zu werden, getadelt zu werden oder ein Fehlverhalten zu zeigen bedeutet, daß derjenige unter den Normen der Scham steht, verbunden mit einem Verlust der Selbstachtung. Umgekehrt ausgedrückt, merkt jemand nicht sein unangebrachtes Verhalten und führt er sein mißbilligtes Verhalten fort, bedeutet dies ein Mangel an„Hiya”, dies wiederum führt automatisch zu einem Verlust an Akzeptanz innerhalb der Gruppe, wenn nicht gar innerhalb der ganzen Gemeinschaft. Ein Philippino, dem die Verwandten ihre Unterstützung entziehen, ist ein Ausgestoßener, ein ganz und gar unglücklicher Mensch. Jemand aus dem Westen, der Individualität und Nonkonformismus schätzt, mag das als unbedeutend ansehen, weil sein Verhalten eher von einem individuellen Verständnis von Schuld und weniger von einer Mißbilligung durch die Gruppe bestimmt wird.

In vielen Vorstädten, in denen 80% der Bevölkerung lebt, spielt ein Polizist nur eine untergeordnete Rolle, wenn man denn überhaupt einen findet. Gemeinschaft, Harmonie einschließlich aller Formen der Kontrolle über Kriminalität wird von einem starken Gruppenzusammenhalt aufrechterhalten, der weitgehend auch Streitfälle mit Hilfe des Gruppenkonsenses löst - und auch dabei wird an das „Hiya” appelliert.

Das Verständnis vom Selbst: die Selbstachtung

Das vorspanische Werteverständnis vom „Hiya” ist durch den spanischen Begriff vom „amor-propio” neu besetzt worden, wörtlich übersetzt „Selbstliebe”, in anderen Worten „die Selbstachtung”. Kleinlaut offene Kritik zu akzeptieren oder Gästen die Gastfreundschaft zu verwehren sind Beispiele eines fehlenden „amor-propio”. In der philippinischen Gesellschaft ist es grundlegend, ein Selbstwertgefühl aufzubauen und daraus folgt, daß die „amor-propio” das „Hiya” begünstigt. Die traditionell orientalische Vorstellung vom „Gesicht” spielt auch in die philippinische Gesellschaft hinein - gestützt von „amor-proprio” und „Hiya”

Mehrere philippinische Ausdrücke reflektieren das „Hiya-amor-proprio-Syndrom”.

Ein Mann in herausragender Position hätte unter Prestigeverlust zu leiden, wenn sein Sohn die Absicht hätte, zu heiraten, sich dann aber, nach dem Abschluß aller Formalitäten, anders entscheidet und plötzlich von der Heirat Abstand nehmen will. Sein Vater würde ihm vorhalten: „Was für ein „Gesicht” soll ich nun gegenüber der Öffentlichkeit haben, wenn du dich so verhältst?” Ein Mensch, dessen Führungseigenschaft angekratzt ist, ist bloßgestellt. Über seine Selbstachtung oder sein „amor-proprio” würde geurteilt: „Unser öffentliches Image ist durch ihn zerstört worden.” (Fußnote*: Basang basa ang papel niyan sa amin. In der wörtlichen übersetzung wird sich auf das „Papier” bezogen, das „naß” ist in Anspielung auf das „Image” in der Öffentlichkeit, das „ganz naß” ist.)

Die Sozialanthropologin Mary Hollnsteiner stellt fest: „Hiya könnte auch übersetzt werden als ein „Gefühl für sozialen Anstand”, als Präventiv schafft es Konformität in bezug auf die Normen der Gemeinschaft. Sobald jemand solch eine Norm verletzt, erfährt er normalerweise ein tiefes Gefühl der Scham, es ist das Eingeständnis, daß er den von der Gesellschaft gesetzten Normen nicht entsprochen hat. Einen Philippino „walang-hiya” oder „schamlos” zu nennen, bedeutet, ihn schwer zu verletzen.”

Ungeachtet des westlichen Verhaltenskodex’, der ja von einem etablierten Kodex des Richtig und Falsch abhängt, und bei dem ein Individuum Schuld empfindet, wenn es erkennt, daß es im Unrecht steht, funktioniert das „Hiya” schon dann, wenn die eine Person absolut recht und die andere Person absolut unrecht hat, denn „Hiya” und „Amor-propio” stehen für den Philippino in Wechselwirkung zueinander. So kann es zum Beispiel zu einen Konflikt mit Gewaltanwendung kommen, wenn jemand das „Amor-proprio” eines anderen verletzt. Ein Philippino ist durch das Hiya geschützt, die Selbstachtung eines anderen in Gefahr zu bringen. Aus diesem Grunde wird er zögern Schulden anzuhäufen oder Leifristen zu überziehen, denn, wenn es wirktlich einmal zu einer persönlichen Begegnung kommen sollte, könnte die Selbstachtung tangiert sein.

Niemand sollte sich auch wundern, warum ein Philippino zögert, auf ein Problem aufmerksam zu machen, er lenkt den Blick nicht auf eine ungewöhnliche Situation, er würde nicht einmal darauf aufmerksam, wenn ein Unterkleid hervorschaut - immer ist„Hiya” im Spiel. Philippinos sind eher verlegen, wenn sie selbst etwas auslösen oder heraufbeschwören sollten, es könnte ja dieses flüchtige Amor-proprio von jemanden verletzt werden.

Die Bedeutung eines Mittelsmannes

Vermieden oder wenigstens delikat behandelt werden auch Situationen, in denen man sich Angesicht zu Angesicht gegenübersteht; auch hier kommt wieder „Hiya” und „Amor-propio” ins Spiel. Um eine Situation zu entschärfen, muß jemand als Mittelsperson oder als Unterhändler eingreifen. Eine Mittelsperson macht es möglich, auf Dinge aufmerksam zu machen, die jemand beschämen könnten. Der vom Mittelsmann Angesprochene kann sich frei fühlen, seine Forderung herabzuschrauben oder auch einem Verlangen zu widersprechen, und dabei seine Sicht vertreten, ohne das Gefühl zu haben, wiederum das „Amor-propio” des Bittstellers in einer unmittelbaren Begegnung mit ihm zu gefährden.

Ein Beispiel. Eine einfache Frage nach einem Arbeitsplatz ist schon mit „hiya-amor-proprio”-Elementen befrachtet. Es könnte das Amor-Proprio verletzen, jemandem sagen zu müssen, daß er nicht qualifiziert sei. Auch das „Hiya” ist in dem Sinne betroffen, daß sich jemand erdreistet, einen Job haben zu wollen. Wird eine Bewerbung nicht angenommen, schafft dies für beide Seiten eine vertrackte Situation - für den Bittsteller ebenso wie für denjenigen, der ihn zurückweist. Tritt dann eine dritte Person hinzu, die bei dem fraglichen Problem vermittelt, erlaubt es demjenigen, von dem der Job erbeten wird, auf eine verbindliche Weise ,Nein’ zu sagen. Die Ablehnung stimmt dann nicht so schroff, wenn sie von einem Vermittler erklärt wird.

Oft wird ein Mittelsmann von einem jungen Mann engagiert, der wissen möchte, ob die Frau, deren Zuneigung er gewinnen möchte, seine Kleidung mag. Das Herz einer philippinischen Frau zu erobern erfolgt über ihre beste Freundin oder ihre Cousine. Wegen des „Hiya-Amor-Proprio”-Syndroms, das direkte Begegnungen von Angesicht zu Angesicht als nicht angemessen erscheinen lassen, sind Vermittler unabdingbar. Auch innrhalb der Familie sind sie vorgesehen. Wenn Kinder sich über eine Erziehungsmaßnahme bei ihrer Mutter beklagen möchten, lernen sie, den Vater mit einzubeziehen. Großmutter,Tante,Schwester, Bruder - alle dienen bei familiären Differenzen als Vermittler.

Ein Vermittler wird auch bei geschäftlichen Angelegenheiten, bei Regierungsgeschäften und in der Verwaltung eingesetzt. In einer etwas grotesken Weise ist auch der „Fixer”, den wir schon einmal erwähnt haben, ein Vermittler innerhalb der Bürokratie. Frank Lynch beschrieb dieses Bedürfnis der philippinischen Gesellschaft als „Smooth Interpersonal Relations” (ISR) (Reibungslose zwischemenschliche Beziehung) womit die Rolle des Vermittlers beschrieben wird. Die Praxis des Vermittelns kreist um das Phänomen „Hiya” und „Amor-proprio”, es ist eine Angelegenheit eines höchst sensiblen Selbstwertgefühls.

Unter praktischem Gesichtspunkt mögen Geschäftsleute, die mit philippinischen Mitarbeitern und Untergebenen zu tun haben gewarnt sein: die Bedeutung des „Hyia-Amor-Proprio” ist oft der Grund für große Mißverständnisse. Darauf hat Thomas D. Andres in seinem Buch „Understanding Filipino Values, a Management Approach” hingewiesen: „Der Philippino hat ein hohes Maß an persönlicher Würde. Würde und Ehre sind alles für ihn. Sie zu verletzen, ob real oder nur in der Vorstellung, sind eine Herausforderung an seine Rechtschaffenheit. Er respektiert andere, aber sie müssen ihn ebenso respektieren. Viele Konflikte zwischen einem ausländischen Vorgesetzten und einem philippinischen Untergebenen sind einerseits begründet auf der Geringschätzung und andererseits auf der übermäßigen Wertschätzung der individuellen Würde.”

Ein Euphemismus: der indirekte Weg

Neben dem Vermitteln gibt es noch etwas anderes, was die Reibungslosigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen fördern kann, nämlich der Gebrauch des Euphemismus oder die indirekte Kritik. Möchte man etwas kritisieren, geschieht dies auf eine eher indirekte Weise, nämlich indem man darüber seinen Schabernack treibt. Geschieht dies mit einer gewissen Unbekümmertheit, verfehlt es nicht sein Ziel. und wenn es nicht das erste Mal ist, dann eben durch Wiederholung auch von anderen. Dieses Vertrauen in den Euphemismus bringt den Philippino dazu, bereitwillig „ja” zu sagen, er wird nicht offen ablehnen oder enttäuschen. Das ist der Grund, warum er so bereitwillig lächelt, obwohl er demjenigen nicht zustimmt, dem er zulächelt.

Darüber sagt Andres: „Ausländer haben oft auf diese Zweideutigkeit hingewiesen, ,weiße Lügen’ und euphemistische Gespräche, um unangenehme Wahrheiten zu vermeiden - das sind philippinische Charakteristika; sie versuchen, nicht zu verwirren oder anderen Personen zu mißfallen. Der Philippino erkennt das im voraus und gibt die erwartete Antwort, um möglichst eine negative Antwort zu vermeiden. Und so wird eine Frage von jemandem, der eine positive Antwort auf die Frage nach - z.B. - nach der Höhe der Bezahlung für eine Dienstleistung wünscht, dem wird unmißverständlich geantwortet: „It’s up to you”. (Das liegt in Ihrem Ermessen).

Bei einem Telefonanruf lassen Philippinos lieber ausrichten, daß sie nicht da sind, als ihn direkt zu beantworten, und dies geschieht meistens aus Versagensängsten.

Alle ungünstigen Bemerkungen, ja sogar solche einer konstruktiven Kritik, werden mit Sätzen eingeleitet wie: „Das ist nur meine persönliche Meinung, aber es scheint mir...”, oder „Ich denke, daß es sehr gut ist, aber...” Um etwas Negatives zu betonen, sind Kommentare indirekt, sie sind an eine dritte Person oder eine Personengruppe mit der Vorwarnung gerichtet, daß, wenn jemand sich angesprochen fühlt, sich doch nicht verletzt fühlen soll, untermauert mit einem beliebten Spruch: „Auf wen auch immer ein Stern fällt, er soll sich nicht angesprochen fühlen.” (Bato-bato sa langit, ang matamaang ay wag magalit.)

Ein Philippino würde sagen ,Verstehe ich dich richtig?’ um seine Kritik zu äußern, oder ,Ich denke, was er sagen möchte, ist folgendes...,’ um anzudeuten, zu modifizieren, oder einen weiteren Aspekt aus der Sicht desjenigen hinzuzufügen. Es könnte sein, daß er etwas geklärt haben möchte, um eine negative Sicht zu beschönigen: ,Bitte, korrigiere mich, wenn ich unrecht habe, aber denke nicht, daß...’

Auf den Busch klopfen

Fremde, die möglichst schnell zur Sache kommen möchten, sind durch den Umstand irritiert, daß sie mit einem lockeren „Small-Talk” empfangen werden, der dem Zweck des Besuchs aber wenig angemessen erscheint. Der Philippino ist selbstverständlich in der Zwischenzeit dabei, auf eine Gelegenheit zu warten, dem Fremden eine angemessene Gesprächseröffnung zu ermöglichen. Wenn das Gesprächsklima sich entspannt hat, kann man zum eigentlichen Zweck des Gesprächs kommen und einfach zu fragen „Was kann ich für Sie tun?”

Oft wird der Besucher gar nichts über das Wesentliche seines Besuchs sagen und erst beim Verlassen des Raumes, so ganz nebenbei, den Grund erwähnen. „Oh, nebenbei gesagt, ich bin bei der Aktion zur Kapitalerhöhung unserer Kirche engagiert. Würden Sie einige Eintrittskarten für unsere Wohltätigkeitsshow kaufen?” oder „Ich habe gehört, Sie suchen nach einem Buchhalter. Ich habe einen Cousin, der einen Job sucht.

Es gibt einige philippinische Euphemismen, die statt eines negativen Kommentars eingesetzt werden: „es könnte sein” (siguro nga), „wenn Sie meinen” (kung sinabi mo ba e), „ich will es versuchen” (sisikapin ko po), „ich will mich bemühen” (pipilitin ko po), „ich weiß nicht” (ewan), „wir werden sehen” (titignan natin), „Mal gucken, wie es läuft” (bahala na). Das Hochziehen der Augenbrauen ohne zu kommentieren bedeutet „Nein”.

Im Zusammenhang mit Euphemismen bezüglich der reibungslosen zwischenmenschlichen Beziehungen schreibt Lynch: „Es ist eine Kunst, die in der philippinischen Gesellschaft nicht hoch genug eingeschätzt wurde und noch wird. Eine brüskierende und beleidigende Wortwahl wird entsprechend mißbilligt.”

Das Umschweifige und die zeitrraubenden Freundlichkeiten sind Teil der Dynamik eines sich selbst tragenden fragilen Selbstwertgefühls. „Hiya” und „Amor-propio” erfordern soziale Mechanismen, um jeglichen Schaden an diesem präzise funktionierenden Selbstwertgefühls zu verhindern, und um dies erreichen zu können, sind harmonische und rücksichtsvolle zwischenmenschliche Beziehungen notwendig.

Der Unterschied zwischen dem westlichen und dem philippinischen System zwischenmenschlicher Beziehungen ist der, daß im westlichen System ein Konflikt durch Konfrontation gelöst wird, in der philippinischen dadurch, daß man Konfrontation vermeidet.

Die Kunst von der Zusammengehörigkeit: Pakikisama

Derphilippinische Ausdruck für das,was ein Anthropologe als Konfliktlose zwischenmenschliche Beziehung identifiziert hat, ist „pakikisama” - was soviel bedeutet wie die Fähigkeit, im Leben zurechtzukommen und dabei stillschweigend Kameradschaft und Zusammengehörigkeit vorauszusetzen.

„Pakikisama” wird Kindern frühzeitig als verbindlicher Wert vermittelt; es soll erreicht werden, daß das widerspenstige Individuum sich dem Gruppenwillen unterwirft, um es zur Einmütigkeit zu bringen. „Pakikisama” bringt jemanden dazu, der Gruppenmeinung nachzugeben, wobei derjenige dazu gebracht wird, alles für die Entwicklung seiner Gruppe zu tun, und dabei das individuelle Wohl dem gemeinschaftlichen zu opfern.

In Studien, die in an den Schauerleuten in den Docks von Manila gemacht wurden, bemerkte Randolph David, daß, wenn die Wahl zwischen einem Arbeiter fiel, der in seiner Arbeit qualifiziert war, aber keine „Pakikisama” hatte und deshalb mit den anderen nicht auskam und jemandem, der seinen Job nicht beherrschte aber „Pakikisama” verstand, der nichtqualifizierte den Vorzug erhielt.

Die Schuldfalle: Utang Na Loob

„Pakikisama” laufen unter dem Deckmantel ganz persönlicher Gefälligkeiten, die „utang naloob”, frei übersetzt eine „Schuld des inneren Selbsts” genannt werden. In Hollywoods Räuber-und-Gendarme-Inszenierungen haben Polizisten oder auch Denunzianten noch eine „Rechnung zu begleichen” in bezug auf einmal erwiesene Dienste. In vereinfachter Form ähnelt dies der grundlegenden Vorstellung des Philippinos, daß er sich verpflichtet fühlt, etwas von jener ihm erwiesenen Gunst zurückzugeben. „Utang na loob” ist eine ziemlich schwierige und kaum zu erfüllende Verpflichtung, denn es wird erwartet, daß zur Abgeltung noch eine Dreingabe gehört. Da aber eine spezifische Verpflichtung nicht wirklich quantifizerbar ist, steigert sich das „utang na loob”, mit jedem Male. Daraus entsteht eine hochkomplexes Gewebe von Interdependenzen, die auf „utang na loob”, basieren.

Hollnsteiner hat in ihrem Artikel „Reciprocity in the Lowland Philippines” (IPC PapersNo.1 Ateneo de Manila University Press 1961) bemerkt, „Von jedem Philippino wird erwartet „utang na loob”, zu haben; das bedeutet, daß er darauf zu achten hat, welche Verpflichtungen er gegenüber jenen eingehen kann, von denen er Gefälligkeiten annimmt; er sollte sie in einer akzeptablen Weise zurückzahlen können. Daran gemessen, daß „utang na loob” ein festgelegter Grundsatz ist, auch dann, wenn Sachgeschenke im Spiel sind, so ist doch eine quantifizierbare Abgeltung nicht wirklich möglich. Man kann eine Abgeltung nicht wirklich bemessen, aber man kann es dennoch versuchen, entweder, indem die ursprüngliche Dienstleistung durch Qualität übertroffen wird, oder dadurch, daß es bekanntermaßen eine wechselseitige Abgeltung nur in Teilen geben kann, die weitere Abgeltungen erforderlich machen.

Im Geflecht seiner Beziehungen hat jeder Philippino zu irgend jemandem anderen „utang na loob”, während andere„utang na loob” zu ihm haben. Der Philippino vermeidet es so gut er kann, sich selbst in eine schuldhafte Verpflichtung zu Fremden zu begeben, besonders dann, wenn sie als Rivalen oder Widersacher angesehehen werden. Es wäre unangemessen von jemandem etwas anzunehmen, der sich zu ihm in einer widerstreitenden Rolle befindet, das„utang na loob” würde tiefe persönliche und emotionale Verpflichtungen entstehen lassen.

Ein Ausländer sei gewarnt, bevor er in das Geflecht von widerstreitenden Verpflichtungen eintritt, ebenso sind Philippinos vorsichtig, wenn sie in jemandes Schuld geraten. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig zu verstehen, wie „utang na loob” funktioniert, denn falsche Vorsicht kann auch zu Fehlurteilen führen. Ein Geschäftsmann wird zum Beispiel bei einem Angestellten feststellen, daß er vielleicht weniger leistet und nicht so gewissenhaft ist, daß er aber viele Freunde und Verwandte in Regierungspositionen hat. Im Geschäftsverkehr kann er sehr effektiv sein, wenn er sich einen Stamm von „utang na loob” - Beziehungen aufgebaut hat.

Utang na loob in der politischen Vergangenheit

Um diesen Punkt weiter zu illustrieren, weisen Historiker und politische Analysten darauf hin, daß die philippinische Führung in eine ungünstige Verhandlungsposition mit den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg geraten war, handelten sie doch unter den Voraussetzungen des „utang na loob” als es um die „Befreiung” von Japan durch die Amerikaner ging. So seien die unliebsamen US-Gleichheitsrechte in die philippinische Verfassung geraten, und auch die Wiedererrichtung von US-Militärbasen seien unangemessene Konzessionen gewesen, die aus dem verflichtenden Gefühl heraus gegeben wurden, dem„utang na loob” gerecht werden zu müssen.

Jemand aus dem Westen, der einem Philippino einen Job gibt, oder ihm für das kranke Kind eine Medizin besorgt, wird zu besonderen Anlässen wie Weihnachten kleine Geschenke erhalten. Das zeigt die Bedeutung, die dem„utang na loob” für den erwiesenen Dienst. beigemessen wird. Solche Leute wie Ärzte oder Juristen werden von Klienten und Patienten mit Geschenken überschüttet, wenn sie umsonst oder gegen eine symbolische Gebühr behandelt wurden bzw für sie tätig geworden sind. „utang na loob” wirkt sich auch dort aus, wo Kinder unter großen Opfern der Eltern eine teure Erziehung erhalten haben, wo reiche Verwandte den ärmeren materielle Unterstützung gewähren oder einen Job vermitteln, wo der Grundbesitzer dem bäuerlichen Pächter einen Kredit für Saatgut oder einige persönliche Dinge gewährt, dort, wo einfache Bedienstete von höheren Beamten abhängen, wo Berufskollegen untereinander sich unendgeltlich Gefälligkeiten erweisen und so weiter.

Philippinische Politiker nutzen die Patronage als Gegenleistung für Stimmen in Wahlkampfzeiten. Auf diese Weise findet das„utang na loob”-Element Eingang in die politischen Strukturen, das durch die Amerikaner auf den Philippinen installiert worden ist. Diese Strukturen funktionieren erfolgreich, von der Dorfebene bis hinauf in die Maschinerie der höchsten Institutionen und das immer, obwohl sie den Prinzipien aber auch der reinen Lehre des westlichen Politikmodells widersprechen, das auf den Philippinen errichtet wurde. Nach westlichen Modellen erwartet man, daß ein politisches System dadurch bestimmt wird, daß es „Ergebnisse” liefert, aber „utang na loob” hat eine viel größere Anziehungskraft. Es ist jene Ambivalenz zwischen den grundlegenden philippinischen Antriebskräften (dynamics of power) in der Politik, die diese Aspekte des „utang na loob” mit einbezieht und den Prinzipien demokratischer Wahlen, die das labile und unbeständige politische System auf den Philippinen ausszeichnet.

Aus diesem Grund muß man darauf achten, daß unterschwellig oder auch offen in einem engen Bereich „utang na loob”, ebenso wie „Hiya” und „Amor-propio” dazu genutzt werden, einen unbesonnenen Menschen zu übervorteilen. Dagegen läuft alles gut, wenn bei guten Beziehungen untereinander immer eine kräftige Dosis Euphemismus und „pakikasama” eine Rolle spielen.

Die verwandtschaftliche Gruppe: Barangay

In der philippinischen Gesellschaft gibt es eine charakteristische soziale Einheit mit Namen „Barangay”. Sie entwickelte sich offenbar danach, wie das Archipel von den frühen Einwohnern kolonisiert wurde. Erste menschliche Spuren auf den Philippinen lassen sich bis auf 500000 Jahre zurückverfolgen; man hat Steinwerkzeuge zusammen mit fossilen Elephas und anderen Tieren im Cagayan Valley entdeckt. Während man wirklich sehr wenig über den prähistorischen Menschen auf den Philippinen weiß, nimmt man doch an, daß sich die Einwanderung und Besiedlung nie in Form der Bildung eines weiträumigen Stadtstaates unter der Führung eines mächtigen Königs oder Führers vollzog. Es gibt weder einen Vergleich mit Borubodur in Indonesien, mit Angkor Wat von Kambodschah noch gibt es andere Zeugnisse größzügiger Stadtstaatenbildung vor der Kolonisation durch die Spanier im Jahre 1565.

Das Land haben Menschen besiedelt, die in großen familiären Sippen auf eigenen Schiffen über das Meer kamen. Diese Sippen bezeichnet man als „Barangay”, ihre Anführer als „dato”. Diese Menschen siedelten sich längs der Küste und der Flüsse an und verstanden sich als Gemeinschaft. Die kleine Schar der spanischen Kolonisierer war in der Lage, einen großen Teil des Landes zu unterjochen, weil es keinen einheitlichen Widerstand gegen sie gab. So kam es, daß die Spanier Verbündete fanden, die gegen andere Sippen in den Kampf zogen. Rivalität und Konkurrenz zwischen den„Barangay”-Verwandten waren Kennzeichen einer prähispanischen Gesellschaft auf den Philippinen. In einigen Fällen, wie z.B. bei den Ifugao in den Bergprovinzen, kam es bei Dorfrivalitäten zur Kopfjägerei, wobei der Tod von jemanden nur durch das Erlangen eines Kopfes aus dem rivalisierenden Dorf gerächt werden konnte.

1589 beobachtete der spanische Missionar Fray Juan de Plasencia über die Philippinos: „Diese Menschen haben immer Anführer, die sie „datos” nannten, sie bestimmten das Zusammenleben und führten sie auch in den Krieg, ihnen gehorchten sie und sie wurden respektiert. Die Zahl ihrer Gefolgsleute war nicht sonderlich groß, im höchsten Fall einhundert Haushalte, aber auch weniger als dreißig. Solch eine Gruppe wird auf tagalisch als „Barangay” bezeichnet. Warum sie sich so nennen, ist nach meinem Verständnis folgender: Bezüglich ihrer Sprache ist klar, daß sie Malayen sind (also Immigranten); als sie ankamen
mußte ein erfahrener Vorsteher der Barangays (das wohl auf den Namen eines Schiffes zurückzuführen ist) mußte er die Herrschaftlinie als „Dato” aufrechterhalten. Der Begriff Baraday bezieht sich auf eine Familie, die aus Eltern, Kindern, Verwandten und Sklaven besteht.

Eine größere Zahl dieser Barangays konnte eine einzelne Stadt bilden, sie wohnten auch deswegen nicht weit voneinander entfernt, um sich im Falle eines Krieges gegenseitig verteidigen zu können. Sie waren zwar nicht direkt voneinander abhängig, aber sie waren in Freundschaft oder Verwandtschaft verbunden; und die Sippen- oder Clanführer kämpften Seite an Seite mit ihren Barangays in den Kriegen, die sie glaubten führen zu müssen.”

Viele Kultur-Minoritäten sind über das ganze Archipel in abgelegenen Gebieten verteilt, bis heute sind solche Verwandtschafts-Clans im wesentlichen so geblieben, wie sie in der prähispanischen Zeit gelebt haben. Die Urgemeinschaft, als „Barrio” bezeichnet,ist in ihrem Kern ein „Barangay-Verwandtschafts-Clan”. Aber auch in den Städten sind sie noch lebendig, obwohl sie sich strukturell verändert und weiterentwickelt haben. Die philippinischen Werte des „Hiya-amor-prorio”,des „Utang na loob” und des „Pakikisama” funktionieren immer im Zusammenhang mit diesen Verwandtschaftsgruppen. Philippinos denken in Kategorien des alten „Barangay” und sie identifizieren eine Person danach, welcher Verwandtschaftsgruppe er angehört.

Die Verwandtschaftsgruppe in Aktion

Vorgang: Ein Historiker von der Yale Universität etdeckt einige interessante alte Bücher und Dokumente bei einem Forschungsaufenthalt auf Iloilo, die im Besitz von zwei alten Damen sind. Er zeigt an ihnen großes Interesse, und bittet um Erlaubnis, die beiden staubigen Bände lesen zu dürfen. Dabei trifft er auf Widerstand und Argwohn. Sechs Monate hartnäckiges Bemühen kostete es ihn, die Bücher zu bekommen. Dazu bringt er eine philippinische Kollegin von der Ateneo Universität mit, die mit den beiden alten Damen plaudert. Und nach einer langen Unterhaltung, die sich gar nicht auf die Bücher bezieht, wird ihr plötzlich erlaubt, die Bücher zu prüfen und sie zu lesen. „Wie hast Du das gemacht? Bei mir hat es Monate gedauert, bis ich ihr Vertrauen erhalten habe!” Die Philippina erklärt: „Ich zeigte gar nicht so großes Interesse an den Büchern, ich habe sie noch nicht einmal angeschaut. Zuerst habe ich meine Herkunft so beschrieben, wie es aus ihrer Sicht angemessen ist, indem ich gesagt habe, daß ich eine Nichte von jemandem sei, den sie kannten, und die Freundin einer anderen Nichte kennen sie ebenso, dadurch habe ich mich in den Zusamenhang einer gegenseitigen Bekanntschaft gebracht. S. 45Mitte

Die Bedeutung solch einer zufälligen Begegnung dürfte wahrscheinlich der westlichen Einstellung, schnell zur Sache zu kommen gänzlich zuwiderlaufen, aber wer man ist, kann nur dadurch verständlich gemacht werden, indem man sich zu seiner Verwandtschaftsgruppe bekennt, um so den Unterschied zur Verwandtschaftsgruppe des Gesprächspartners herauszustellen.

Der Anthropologe Robert Fox hatte in seiner 1946 erschienenen Veröffentlichung „Human Relations Area Files, Inc.” die Verwandtschaftsgruppe der Philippinos am besten beschrieben: „Die grundlegende soziale Einheit der Gesellschaft ist die Elementarfamilie von Mutter, Vater und Kinder und die erweiterte bilaterale Familie, welche die Blutsverwandten von Mutter und Vater einschließt. Der Einfluß der Familie durchdringt alle Facetten der philippinischen Gesellschaft. Es ist die vorherrschende Einheit für gemeinsamesHandeln, über die soziale, ökonomische und religöse Aktivitäten vollzogen werden. Religion ist vornehmlich familiär und und auf den häuslichen Bereich bezogen. Ökonomische Aktivitäten, Landwirtschaft, Fischerei und Heimindustrie betreffen im allgemeinen alle erwachsenen Mitglider der Familie in gemeinsamer Arbeit, oft sind die älteren Kinder mit eingeschlossen. Die sogenannten „Corporations” sind auf den Philippinen Familieneigentum. Nepotismus in Regierung und Wirtschaft ist eine Folge familiärer Kohäsion.

Die philippinische Familie zeigt große Solidarität, starkeLoyalität und Unterstützung für die blutsmäßige Zugehörigkeit, oft unter der Vernachlässigung sozialer Institutionen größeren Ausmaßes wie Stadt oder Staat...

In den typischen „Barrios” oder Dörfern ist die politische Organisation nur schwach entwickelt. Gruppenaktivitäten werden auf der Basis familiärer Allianzen und allgemein ökonomischer oder Brauchtums-Interessen organisiert. Führerschaft erfolgt durch eine dominante Familie (oder Familien). Wichtige Voraussetzungen für eine Führerschaft ist Wohlstand und die Größe der verwandtschaftlichen Gruppe.

Der familiäre Zusammenhalt hat auch einen starken Einfluß auf die zwischenmenschlichen Beziehungen -besonders auch mit Nichtverwandten. Ein Affront gegen eines der Mitglieder wird interpretiert als ein Angriff auf die ganze Familie. Die Familie schafft aber auch eine sichere Umgebung für ihre Mitglieder, in scharfem Kontrast zu den oft unsicheren und schwierigen Beziehungen zu Nichtverwandten....”

Was hat die verwandtschaftliche Struktur mit mir zu tun?

Beispiel:Eine Mitarbeiterin des amerikanischen Friedenscorps ist aufs Land geschickt worden, sie badet gern im Fluß mit knappem Bikini und geht im Dorf mit engen Shorts herum. Bei einer Wanderung im Wald wird sie von zwei Männern belästigt. Als sie nach Hilfe zurück ins Dorf rennt - dorthin, wo sie Sympathie erhofft, antwortet ihr das Dorf, daß sie die Situation dadurch provoziert habe, daß sie als eine „sexy Amerikanerin” aufgetreten sei.

Beispiel: Ein amerkanischer Wissenschaftler hat ein Programm ausgearbeitet, um die Population von Geflügel auf den Philippinen zu verbessern, indem er eine besondere Rasse aus den USA einführen wollte. Die exotischen Geflügel wurden an ausgesuchte Farmer in einigen „Barrios” verteilt. Anschließend ging der Wissenschaftler daran, den Fortschritt des Geflügelprojekts zu inspizieren. Nachdem einem Bauern der Besuch einer wichtigen Person angekündigt worden war, machte er Anstalten, so wie es philippinischer Brauch eines Gastgebers ist, der wichtigen Person nur das beste, was er anbieten kann, aufzutischen. Bei der Ankunft des amerikanischn Wissenschaftlers bei dem Bauern wurde jener gebeten, zu einem kleinen Fest zu seinen Ehren zu kommen und - auf dem Teller lag das teure Geflügel - geröstet. Der philippinische Gastgeber meint, nur das beste würde dem ehrenwerten Gast befriedigen - und, selbstverständlich ist ein exotischer Vogel das beste, was er anzubieten hat.

Die Strukturen innnerhalb einer Sippschaft bestimmen das Verhalten der Philippinos. Die bereits zuvor beschriebenen Werte wirken eher nur innerhalb einer jeden Sippe und nicht in einem universalerem gesellschaftlichen Rahmen. DerAußenstehende wird eher unter dem Aspekt gesehen, daß man mit ihm spielerisch umgehen kann; in solch einem Fall gibt es einen anderen Wertebezug als sonst. Ein Tourist zum Beispiel wird erwartungsgemäß mehr bezahlen müssen als andere, wird der „Tourist” jedoch als Gast oder Freund von jemandem angesehen, der zu einer Gruppe gehört, bekommt der Tourist einen fairen Preis, weil er nicht länger als ein flüchtiger Fremder angesehen wird.

Beispiel: Man fährt den Highway entlang und plötzlich rennt ein kleiner Junge vors Auto. Man sollte sich den Jungen greifen und ihn sofort ins nächstgelegene Krankenhaus bringen. Es ist riskant, ihn dort liegenzulassen, denn immer mehr Leute aus dem Dorf werden anläßlich des Vorfalls zusammenlaufen. In einer solch emotional aufgeladenen Stimmung wird ein Mob aus Sippenanhang des verletzten Jungen handgreiflich werden. Ist man in einen Verkehrsunfall verwickelt, wo der Mob anfängt zu murren, könnte es sinnvoll sein, schnell davonzufahren und sich bei der nächsten Polizeistation zu melden. Das „Barrio”-Volk besteht aus ein oder zwei Sippen, und sie werden in jedem Falle mit dem Opfer sympathisieren und dem Fremden gegenüber sich feindselig verhalten.

Auf beiden Seiten der Famile agieren

Die philippinische Kernfamilie ist bilateral. Die Verwandten von beiden Seiten, von Mann und Frau zählen gleichermaßen als Verwandtschaft, gleich welcher Familiengemeinschaft sie angehören, der patrilinearen oder der matrilinearen. Für die philippinische Verwandtschaftsgruppe ist es das Kind, das die verwandtschaftliche Beziehung verbrieft, denn die gesamte Linie, herunter von den Großeltern des Kindes, den Onkeln und Tanten und weiter hinunter zu Cousins und Cousinen schafft eine gemeinsame Verbindung zu beiden Familien. Bei den Ifugao ist eine Hochzeit normalerweise erst dann gültig, wenn die Verlobte schwanger ist. In Manila ist es üblich, daß die Frauen ihren Ehemann als „Daddy” ansprechen und umgekehrt, die Ehmänner ihre Frauen als „Mommy”, um den Elternstatus zu betonen, er gibt ihnen jene Identität, durch die das Kind seine Eltern erkennt.

Compadrazco: Patenschaft

Zuden Vewandten zählt man auch die weit entfernten Cousins und Cousinen. Weiterhin vergrößert sich die Verwandtschaft zu den Blutsverwandten über weitere rituelle Vereinbarungen unabhängig von einer Heirat. Die durch die Spanier institutionalisierten christlichen Riten haben die Philippinos im Sinne einer Vergrößerung ihrer Sippengemeinschaft genutzt.

Die Stellung der Patenschaft im chritlichen Ritus anläßlich der Taufe begründet eine Beziehung zwischen Patenkind und Pate. Bei einer strengen Auslegung verstehen sich Pat und Patin als zweite Eltern für das Kind. Es wir von ihnen erwartet, daß sie sich um das Kind kümmern, wenn den eigentlichen Eltern etwas zustößt. Zu Weihnachten und am Geburtstag des Patenkindes, ist es üblich, etws zu schenken. Wenn das Kind erwachsen wird, sind Pate und Patin verpflichtet, dem Kind bei der Anstellung zu helfen und ihm jegliche Hilfe zu gewähren, in der Welt zurechtzukommen. Solche großen Erwartungen können jedoch nicht immer erfüllt werden, und doch wird der Gedanke an eine materielle Unterstützung als die tragende Rolle der Paten angesehen. Der Pate wird vom Patenkind „Ninong” genannt, die Patin „Ninang”, während das Patenkind „Inaanak” genannt wird, was wörtlich übersetzt, ein „neugeschaffenes Geschwisterteil” bedeutet - also ein Geschwister durch feierliche Adoption.

Brüder durch feierliche Adaption sind „Compadres”

Der Taufritus ermöglicht eine Bindung nicht nur zwischen Paten und Patenkind, sondern auch zwischen Paten und Eltern des Kindes, die sich dann gegenseitig als „Compadre” anerkennen. Zwei Paten, die sich vor der feierlichen Handlung nie gesehen haben müssen,werden dann zu „Compadres”. Das System ist ursprünglich spanisch-katholisch und wird „Compadrazco” genannt; das Wort „Compadre” bedeutet auf spanisch Pate.

Die philippinische Form der Verwandtschafts- und Sippenbeziehungen hat das religiöse Ritual mehr deswegen angenommen, um die Familie zu erweitern, aber weniger aus religiösen Gründen. Bei religiösen Feierlichkeiten gibt es immer mehr „Sponsoren” - sechs oder acht sind keine Seltenheit mehr. Renommierte Mitglieder einer Gemeinschaft, wie zum Beispiel Beamte, sind eine bevorzugte Wahl als Paten. (Das „Compadre-System” dehnt sich bis zu Hochzeiten und Kommunionen aus. Sponsoren solcher besonderen Ereignisse sind ebenfalls Paten, die „Compadre”-Verbundenheit gilt für Eltern und Mitsponsoren.) Als Pate bei der Taufe bestellt zu sein, hat heutzutage schon eine quasi-offizielle Dimension, die meisten Beamten haben bis in die hunderte, wenn nicht gar tausende Patenkinder. Ein Maß für die Bedeutung einer Hochzeit oder einer Taufe ist die Renommiertheit der Paten.

Mit dem Wort „Compadre” sind feierlich begangene Verbindungen beschrieben, die die Verwandtschaft bezeugen. In vorhispanischer Zeit vergrößerte sich die Sippe durch Rituale wie die Blutsbrüderschaft, die von verschiedenen spanischen Chronisten dieser Zeit beschrieben werden. Die Blutsbrüderschaft basierte auf dem rituellen Blutopfer, bei dem Blut mit Wein vermischt von beiden Parteien getrunken wurde, wodurch beide zu Blutsbrüdern wurden. Das christianisierte „Compadre”- Ritual wurde in kleineren Orten, die noch in tiefer Tradition standen, ernster genommen als in größeren Zentren, wo die „Compadre”-Verbindung nur noch gelegentlich vorgenommen wurde. Die poluläre Anrede „Pare” ist eine Vulgarisierung von „Compadre” und wird heute für Personen benutzt, die als gänzlich fremd gelten.

Die Taufe: einige Hinweise für Ausländer

Die Menschen aus dem Westen genießen eine hohe Achtung auf den Philippinen, viele von ihnen haben Positionen von einiger Bedeutung inne. Deshalb werden sie oft gefragt, ob sie als Sponsoren bei Hochzeiten oder Taufen teilnehmen möchten. Seitdem es eine Ehre ist, gefragt zu werden, ist es kaum möglich solche eine Bitte auszuschlagen, ohne daß das „Hiya” berührt ist. Es wird aber auch nicht erwartet, daß jemand aus dem Westen alle damit verbundenen Verpflichtungen der Patenschaft versteht. Vorausgesetzt man zeigt keine weitergehende Verbundenheit zur komplexen Sippenschaft, dann wird die Teilnahme an der Zeremonie als allein schon ehrenvoll angesehen.

Bei einer Taufe hält der Sponsor das Kind während der kurzen Zeremonie. Pate und Patin genießen gleiche Bedeutung. Generell erhält der Pate bei einem Jungen größere Bedeutung und umgekehrt, bei einem Mädchen die Patin.Traditionellerweise wird bei einem Jungen oder Mädchen nur ein Sponsor ausgewählt, aber die Beliebtheit des „Compadre”-Systems läßt es nun auch zu, für jedes Kind einen Paten und eine Patin auszuwählen. Manchmal sind es sogar vier oder noch mehr Sponsoren.

Selbstverständlich wird erwartet, daß man entsprechend der Gelgenheit gut angezogen ist. Mistens wird erwartet, daß die Patin das Taufkleidchen kauft, aber von einem Paten wird das nicht erwartet.

Bei einem Paten wird davon ausgegangen, daß er die Rechnung für die kirchliche Feier begleicht; das muß nicht teuer sein, die Abgaben hängen von dem Umfang der Riten ab (ob an einemS eitenaltar gefeiert wird oder am Hauptaltar, ob die Glocken läuten usw.) Auch ist es angemessen, dem Patenkind ein Geschenk zu machen. In der oberen Mittelklasse und den wohlhabenden ist es üblich, dem Baby eine Silbertasse oder ein Besteck zu schenken, ein Paar goldene Ohrringe für Mädchen oder ein Set von bestickter Baby-Kleidung. Für ein Baby sollte es etwas Praktisches und zugleich Hübsches sein, das geht immer. Die Eltern arrangieren ein Fest, das großzügig (mit einer Anzahl) von Gästen oder eher bescheiden (gedacht für einen kleinen Kreis), mit den Paten als Ehrengästen.

Schließlich werfen einige Paten ein „Dusche” von Wechselgeld in die Höhe als Ausdruck für Wohlstand für das Patenkind. So ist es denn sinnvoll ein kleines Bündel mit Geld mitzunehmen, etwa zwanzig Pesos im Wert von zehn centavo Stücke. Für eine grandiose „Sabog” (so heißt die Münzdusche) reichen mehrere hundert Pesos in fünfzig Centavo-Stücken und Ein-Pesos-Stücken (oder auch größeren Scheinen). Normalerweise nehmen nur Kinder und junge Mädchen aktiv am Grabschen nach Münzen teil; ältere greifen dananch, weil sie glauben, es bringe ihnen Glück. Mit „Hiya” ist es für Erwachsene unschicklich und zu materialisitsch danach greifen.

Traditionellerweise gelten die Verpflichtungen eines Paten ein Leben lang. Die einzige Verpflichtung des Patenkindes ist, entsprechenden Respekt zu zollen. Materielle Hilfe ist nicht lebenswichtig aber nützlich, um eine Arbeit zu bekommen, oder Empfehlungsschreiben aufzusetzen; das erklärt auch, warum Menschen in öffentlichen Ämtern, die augenscheinlich in der Position sind, eine Patronage anzubieten, so gesuchte Pateneltern sind.

Tauf-Etikette

1. Teilnehmer treffen sich an er Kirche und füllen die Registrierungspapiere aus.
2. Vom „Ninong” oder Paten wird erwartet, daß er den Gottesdienst bezahlt.Die Gottesdienste unterscheiden sich jenachdem wie aufwendig sie sie gestaltet werden sollen. Die Bezahlung erfolgt während der Registrierung.
3.Die Teilnehmer betreten die Kirche und der Priester vollzieht die Zeremonie. Der Sponsor hält das Kind. Wenn das Kind ein Mädchen ist, hält es die Patin,wenn es ein Junge ist hält es der Pate.
4.Nach der Zeremonie geht die Taufgesellschaft zu den Festlichkeiten, die die Eltern des Kindes arrangiert haben. Bei einer Zeremonie, bei der bedeutende Perssönlichkeiten zugegen sind wirft man die Münzen auf die versammelten Gäste. Den Kindern wird genug Freiraum beim Grabschen nach dem Geld gelassen. Erwachsene greifen nur nach einzelnen Münzen im Wunsch nach Glück, oft geben sie die Münzen auch noch den Kindern.
5. Die Kleidung ist bedingt formell (Party-Dress)

Philippinische Hochzeit

Die Sponsoren der Hochzeit erhalten Ehrenplätze. Je bedeutender die Stellung auf der sozialen Stufenleiter, desto größer ist das Prestige, das die beiden in Verwandtschaft verbundenen Familien durch den Sponsor erhalten. Selbstverständlich wäre der höchste Sponsor der Präsident der Philippinen und dann auf der unteren sozialen Stufenleiter die Kabinettsekretäre und bekannten Persönlichkeiten des Landes. Nicht ganz so leichtwie bei der Taufpatenschaft bedingt die Hochzeitspatenschaft über Nacht zwei erwachsene Patenkinder und sogleich noch mehr verantwortungsvolle Aufgaben in der Gesellschaft; daher ist die Verpflichtung noch dringender, bei der beruflichen Entwicklung das Patenkind zu unterstützen. Angesichts der Hochzeit selbst wird vom Paten erwartet, daß er gemäß seiner Rolle als Sponsor auch ein angemessenes Hochzeitsgeschenk macht.

Generell sind Hochzeitsriten kirchliche Angelegenheiten. Bei vornehmeren Hochzeiten gibt es nicht nur mehrere Sponsoren, zur Hochzeitsgesellschaft gehören auch Blumenmädchen, ein Ringträger (beide Rollen werden von Kindern ausgeführt), eine Brautjungfer, eine Ehrenjungfrau und Sponsoren für Kerzen, Bändchen und den Brautschleier und neben dem Hauptsponsor auch noch einen Sponsor für die Paten.

Üblicherweise beginnen Hochzeiten recht pünktlich, nur der Braut wird erlaubt, ein wenig unpünktlich zu sein. (Sie soll nicht zu ungeduldig erscheinen, daher darfihr Auftritt ruhig ein wenig später erfolgen.) Nur ein ganz wichtiger Sponsor darf noch später erscheinen als die Braut. Zu feierlichkeiten kommen manche Leute absichtlich etwas später, damit sie nicht zu zurückhaltend beim Essen erscheinen, esgibt kein „Hiya”, wenn man zu früh bei den Hochzeitsfeirtlichkeiten.

Hochzeits-Sponsor

Die Sponsoren stehen vor dem Altar zusammen mit dem Hochzeitspaar, das sich während der Zeremonie, das sich an den entscheidenden Stellen niederkniet. Am Ende der Zeremonie unterzeichnen die Sponsoren als Zeugen die Hochzeitsdokumente. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Sponsor sich bereit machen,weil Kirchenhelfer mit einem Teller erscheinen; von den Sponsoren wird erwartet, daß sie eine kleine Spende geben. Wenn man nicht vorbereitet wäre, würde man unverrichteter Dinge einen Teller anstarren, ohne etwas geben zu können, oder, falls man keine kleinen Geldscheine anzubieten hätte, würde es einem die größte Banknote kosten, die man in der Tasche hat.

Der Sponsor soll sich nicht so verhalten wie der Sponsor alsHaupt-Pate, es reicht, wenn er Kerzen-, Schleier oder Bändchen-Sponsor ist - es sind Rollen, die man Freundinnen der Braut oder Freunden des Bräutigams gewährt. Der Kerzen-Sponsor zündet die Kerzen am Altar an und löscht sie vor dem Ende der Zeremonie, dazu nimmt man am besten ein Feuerzeug, das wirklich funktioniert. Der Schleier-Sponsor legt einen Schleier über Braut und Bräutigam und der Bändchen-Sponsor legt das Band um beide, wobei ihm einige aus der Hochzeitsgesellschaft behilflich sind. Normalerweise wird jemand dem Sponsor ein Zeichngeben, wenn er seinen Part spielen soll. Die Sponsoren erscheinen paarweise, ein männlicher und ein weiblicher für jedes Ritual.

Das Hochzeitsfest

Das Hochzeitsbanquet wird nach der Hochzeitszeremonie abgehalten - meistens in einem Restaurant oder in einem Club. Besondere Gäste erhalten einen Platz an der Kopfseite des Tisches neben Braut und Bräutigam, ihren Eltern und der übrigen Hochzeitsgesellschaft. Manchmal hängt ein glockenförmiger PapierKäfig nicht weit von der Kopfseite des Tisches, das Hochzeitspaar wird dann an der seidenen Schnur ziehen, die mit dem Käfig verbunden ist und dabei weiße Tauben oder Möven freilassen. Sielösen ein kleines Getümmel unter den Hochzeitsgästen aus, bis sie eingefangen werden.

Braut und Bräutigam helfen sich gegenseitig beim Anschneiden der Hochzeitstorte - diese wird zuweilen von einer Verwandten mit etwas Geschick fürs Backen angefertigt und ist zugleich als Geschenk gedacht; meistens wird der Kuchen aber von einem Catering-Service geliefert. Das Paar füttert sich gegenseitig mit Kuchen. Noch unverheiratete weibliche Gäste können kleine Geschenke, die sich an Bändchen in dem Kuchen befinden, herausziehen, es sind kleine Ehe-Glücksbringer in Form von Glückskeksen. Kleine mit Kuchen gefüllte Schachteln - versehen mit den Initialen des Paares - werden an die Gäste als Erinnerungspräsente verteilt (es ist eine philippinische Sitte von Festlichkeiten etwas Mundvorrat für zu Hause mitzubekommen). Es werden keine Toasts oder Reden gehalten. Wenn das Paar nach ein oder zwei Monaten zur Ruhe gekommen sind, verschickt die Braut Dankeskarten mit denen sie sich für die Geschenke bedankt.

Eine ganze Reihe Merkmale einer Hochzeit sind westliche Adaptionen, dazu zählt auch die katholische Zeremonie. In der rituellen Form, folgt sie der spanischen Tradition, aber die Einführung der Brauthelfer „best man” und „bridesmaids” und des Platzhalters stammt aus der amerikanischen Hochzeitspraxis. So lang dies nur als eine Ergänzung verstanden wird, werden alle Beteiligten und Verwandten es schön finden, wenn neue Elemente in die Hochzeitszeremonie aufgenommen werden. So hat es auch der bekannte Politiker Amang Rodriguez (früherer Senatspräsident und Kopf der Nationalistischen-Partei) gesehen: „Politik ist Ergänzung.”

Wenn man zu einer philippinischen Hochzeit eingeladen ist, sollte man sowohl die kirchliche Zeremonie als auch das Hochzeitsmahl besuchen, auch wenn einige gleich zum Hochzeitsmahl gehen. So wie bei allen offiziellen philippinischen Angelegenheiten sind gute Kleidung die Regel.

Nach den Trauung verlassen Braut und Bräutigam die Kirche um dorthin zu gelangen, wo die Hochzeitsfeierlichkeit beginnt., dort stehen sie am Eingang und begrüßen einzeln die Gäste. Der Bräutigam wird beglückwünscht, aber es zeugt von keiner guten Anstand, die Braut zubeglückwünschen - man wünscht ihr alles Gute. Philippinas sind eher zurückhaltend, der Mann wird angesehen, als habe er eine Frau erobert und eine ehrbare Lady gewonnen.

In der Nähhe des Eingangs befindet sich ein Tisch, auf dem alle Hochzeitsgeschenke aufgestellt werden. Nach dem Essen werden noch einmal dem Paar nocheinmal Glückwünsche ausgedrückt.
Die Gebräuche auf dem Land unterscheiden sich etwas je nach Region. Bei einigen Hochzeiten in den „barrios”, den Dörfern und Vorstädten werden Peso-Scheine an die Kleidung von Braut und Bräutigam geheftet - das sind wahrlich praktische Geschenke für einen Start ein gemeinsames Leben.

HOCHZEITS-ETIQUETTE

Vor-Hochzeitliche Parties

Der Braut in Spe werden von Freunden und Verwandten eine oder mehrere Braut-Parties gegeben, die unter dem Thema „Küche”, „Bad” oder „Schlafzimmer” stehen.

1. Die Küchen-Party ist am beliebtesten. Gäste bringen Geschenke, die in der Küche benutzt werden.
2. Angemessene Präsente für die Badezimmerparty sind Handtücher, Seife, Seifenschalen und andere Badezimmer-Accessoirs.
3. Präsente für das Schlafzimmer sind Bettücher, Kissenbezüge und Nachthemden.

Hochzeitsgeschenke

Beliebte Geschenke sind Silberwaren, Kristall, Vasen, Weingläser und andere Haushaltsartikel. Man kann diese auch vor der Hochzeit der Braut oder dem Bräutigam überreichen, je nachdem, vom wem man eingeladen worden ist.

Die kirchliche Trauung

Alle Gäste werden zur entweder zur Trauung oder zum Empfang geladen meistens auch zu beiden. Nach der Trauung, wenn Braut und Bräutigam gemeinsam die Kirche verlassen, werden sie mit Reis beworfen. Man glaubt damit ihnen zu Wohlstand zu verhelfen. Dann schreiten sie zum Empfang, die Gäste folgen ihnen.

Der Empfang

1.Der Empfang wird in einem großen Restaurant, bei den Eltern der Braut bzw. des Bräutigams oder in einem privaten Club wie der „Filippino-Club” oder der „Polo-Club” abgehalten.
2.Braut und Bräutigam stehen am Eingang und begrüßen die Gäste, an der Seite gibt es einen Tisch, auf dem die Hochzeitsgeschenke aufgestellt werden, die von denjenigen stammten, die sich entschlossen haben, die Geschenke persönlich auf dem Empfang abzugeben.
3. Der Empfang ist entweder ein Frühstück oder oder ein Dinner. Für die etwas wohlhabenderen ist es zumeist ein Dinner.
4. Nach dem Essen schneiden Braut und Bräutigam den Hochzeitskuchen an und füttern sich gegenseitig löffelweise. Danach zupfen alles unverheirateten Mädchen ein Bändchen mit einem Amulett aus dem Kuchen, an dem ein Weisheitsspruch befestigt ist, ähnlich wie man sie in Glückskuchen findet.
5. Die Braut und der Bräutigam ziehen an einem Glöckchenband, das von der Decke hängt, wobei zwei Tauben freigelassen werden. Das ist das letzte Ritual. Zusammen mit der Hochzeitsgesellschaft gehen dann Braut und Bräutigam zu einem Photographen.

Hochzeitliche Jahrestage

Gewöhnlich werden nur die Silberne Hochzeit (25 Jahre), die Rubin-Hochzeit (40 Jahre) und die Goldene Hochzeit (50 Jahre) mit großen Parties gefeiert. In einigen Fällen wiederholt das Paar das Gelübte und feiert seine Hochzeit noch einmal mit seinen Kindern und Enkeln als Brautjungfern und Blumenmädchen.

Üblicherweise überreicht man ein Geschenk das mit dem Hochzeitstag in Zusammenhang steht (z.B. Silber zum 25sten, etwas Rotes zur Rubinenen, Gold oder irgendetwas mit einem Golddesign zum 50. Hochzeitstag).

Verwandte sind wichtig, aber...

Die Systematik der patenschaftlichen Beziehung, die vom Christentum übernommen wurde, sichert das Wachstum für eine sich vergrößernde Familie und erlaubt zugleich eine flexible Entwicklung einer verwandtschaftlichen Beziehung außerhalb des sozial und ökonomisch inzestiösen Gefängnisses einer Blutsverwandtschaft. Ein Fremder aus einer kleinen Stadt kann so durch Patenschaft Teil einer Sippe in Manila werden. Während sich der einzelne auf die Hilfe und die gegenseitige Unterstützung der unmittelbaren Verwandten verläßt, gehen sie aber nicht ungern auch eine soziale Beziehung mit Nicht-Verwandten ein, weil man zu ihnen einen leichteren Zugang hat oder weil man von ihnen beruflich oder ökonomsch profitieren kann. Die Verwandtschaft besteht deshalb zum einen Teil aus einer Verbindung von Verwandten innerhalb einer Familie, zum anderen Teil aus dem, wie es ein Individuum für sich zu handhaben pflegt.

Das Individuum ist nicht nur eine passive Einheit innerhalb einer Familie, in die er hineingeboren wurde. Er definiert und verankert seinen verwandtschaftlichen Kosmos durch Heirat und auch durch eigene Wahl, indem er in geregelte patenschaftliche Beziehungen mit einzelnen Personen als auch in verwandtschaftliche Gruppen seiner Wahl eintritt. Seine Beobachtungen zum Verständnis verwandtschaftlicher Beziehungen beschreibt Fr. Frank Lynch so: „Verwandte sind wichtig, aber ihre Bedeutsamkeit ist relativ.” (Relatives are important but the importance is relative.)

Führer durch das System verwandtschaftlicher Beziehungen

Man muß nicht die komplizierten Zusammenhäge verwandtschaftlicher Beziehungen in der philippinischen Gesellschaft ganz verstehen: Viele Philippinos haben sich darüber nicht so viele Gedanken gemacht. Aber wichtig ist, die Existenz derartiger Zusammenhänge zu erkennen und die Gültigkeit ihrer Auswirkungen zu verstehen, wenn sie in der philippinischen Gesellschaft zumTragen kommen. Was beispielsweise in Familienbeziehungen aber auch in öffentlichen Institutionen als ausgeprägter Nepotismus verstanden wird, wird letztlich nur als eine Anpassung an das verwandtschaftliche Beziehungssystem angesehen. Für Philippinos ist Nepotismus nur dann eine gravierende Sünde, wenn sie als Auslöser für ein schweres Unglück, für Inkompetenz und für Korruption verantwortlich sind.

Ein Philippino in amtlicher Funktion ist hin-und hergrissen zwischen seiner amtlichen Pflicht und seinen Verpflichtungen gegenüber der Verwandtschaft. Wiederspruch und Dualität ist ein Kennzeichen der modernen philippinischen Gesellschaft. Ein Polizist darf in seiner Pflichtausübung durchaus nachlässig sein, wenn er einen erwischten Kriminellen nicht anzeigt, der zufälligerweise sein Sohn ist. Die Verwandtschaft würde die Nachlässigkeit, die er als Vater haben sollte, verzeihen, wenn er nicht alle ihm zur Verfügung stehende Macht nutzen würde, seinen kriminellen Sohn zu schützen. Ein Polizist würde nie seinem Paten, der ein öffentliches Amt bekleidet, einen Strafzettel verpassen, und soll ein Patenkind, das seinen Job durch ihn, seinen „Ninong”, bekommen hat, auf solche Weise seine Undankbarkeit zeigen?

Dieses Dilemma haben Arce und Poblador in einer Studie über „Formelle Organisation auf den Philippinen. Motivation, Verhalten, Struktur und Veränderung“ (Formal Organisations in the Philippines. Motivation, Behavior, Structure and Change) beschrieben: „Es scheint darüber ein Konsens zu bestehen, daß es für eine Firma besser ist, eine Anstellung von jemanden zu verhindern, wenn er bereits mit jemanden anderen in der Firma in Verbindung steht. Theoretisch schließt dies sogar eine fiktive Verwandtschaft („Kumpare”) mit ein. Unter Arbeitern ist jedoch eine fiktive Beziehung miteinander recht beliebt. Firmenmanager sehen dies zwar nicht gern, geben aber zu, sie nicht verhindern zu können.

Die verwandtschaftlichen Bziehungen erzeugen aber auch einen Gruppendruck und zwar nicht nur gegen einzelne Individuen, sondern auch gegen die Gruppe selbst, wenn ein Guppenmitglied veretzt wird.In demBuch „Das Verstehen philippinischer Werte” führt Andres aus, daß jeder einzelne seine Familie bzw. seine Verwandtschaftsgruppe nach außen repräsentiert. Wenn jemand bei der Arbeit stiehlt, heißt es: „Ang pamilya niya’y mahihiya sa lipunan” (seine Familie hat sich vor der Gesellschaft blamiert.) Die Blamage des einzelnen ist eine Blamage der Familie und der Sippe. Selbst dann, wenn derjenige die Blamage verleugnen möchte, ist die Familie betroffen, denn sie wird doch in jedem Falle mit einbezogen sein. Kritik an einer Person wird nicht nur als etwas Individuelles angesehen, sondern wird auf Familie und Sippe bezogen. Es gibt Fälle, in denen ein inkompetenter Lehrer nicht entlassen wurde, weil solch ein Vorgang beide - die entlassene Person und seine Familie - einer Blamage (kahiya-hiya) aussetzen würde. Die Vorgesetzten selbst müßten befürchten, das Ziel tätlicher Angriffe zu sein, dazu kämen unvermeidliche Drohungen und Tadel für die strenge und unverzeihliche Behandlung.”

Die philippinische Gesellschaft ist ein Universum der verwandtschaftlichen Beziehungen, bei jeder Handlung kommt der Gruppendruck ins Spiel. Das, was die übrige Gesellschaft als nicht korrekt ansieht ist, wird in dem Moment übersehen, wenn ein Mitglied einer Sippe involviert ist. Wäre das anders, bedeutete dies, daß jene, die die Selbstkonstrolle verloren hätte, höchst verwundert wäre, wäre doch auch ihr Amor-proprio beschädigt. Rivalität zwischen den Sippen ist ein besonderes Kennzeichen in Gesellschaft und Politik auf den Philippinen. Man hat beobachtet, daß selbst zwischen philippinischen Gruppen, die in Übersee wohnen, unweigerlich zwei oder drei rivalisierende Organisationen existieren. Der ausländische Besucher, der denkt, er sei endlich von einer Gruppe anerkannt worden, muß plötzlich feststellen, daß er mit der Ablehnung einer rivalisiserenden rechnen muß.

Wichtig ist, einem verwandtschaftlichen Beziehungsgeflecht nicht zu nahe zu stehen, sobald man in einer gruppenübergeordneten Funktion steht. Jemand, der es erreicht, das Wohlwollen möglichst vieler verwandtschaftlicher Gruppen zu erringen, ist Herr der Situation. Die einzige Alternative wäre, sich zur größten und einflußreichsten Gruppe zu zählen, die auch Verbindungen zu landesweiten Machtstrukturen besitzt. In einer Studie von John F. Doherry S.J. mit dem Titel: „Wer kontrolliert die Ökonomie? Einige haben es nicht so schwer wie andere” (Who conults the Economy: Some Need Not Try As Hard As Others) wird festgestellt, daß das ganze Land nur von 81 Persönlichkeiten beherrscht wird, die 453 größere Körperschaften kontrollieren, die alle regierungsamtlich miteinander verzahnt sind. - Diese Darstellung sollte letztendlich einige Einblicke in die dynamische Kraft von verwandtschaftlichen Beziehungen bringen.

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